Tierschutzreise Spanien

Die diesjährige Tierschutzreise für das Tierhilfsnetzwerk Europa sollte eigentlich gar nicht nach Spanien gehen, aber durch einige Zufälle, sollte es dann doch so sein, dass Wiebke Schoon mit der Tierschutzkollegin Julia Choi wieder die Region Alicante besucht.  Ein wichtiger Grund für die Reise nach Spanien waren die Brände, die Anfang September Teile Andalusiens zerstört haben.
Da es aber auch in Griechenland „brennt“, hat Anne Fünfstück im gleichen Zeitraum ihren Urlaub genutzt, um die Situation der Straßen- und Tierheimtiere mit eigenen Augen zu sehen und den Helfern zu helfen.

Julia Choi und ich waren also für zwei Wochen in der Region Murcia/Alicante und sind bis an die Spitze Andalusiens gekommen, um dort sieben Heime/Vereine/ehemalige Tötungen zu besuchen und mit anzupacken. Zurück in Deutschland sind die Bilder, die uns noch im Kopf schwirren, wie aus einer anderen Welt. Wir haben kranke Tiere, Todeskandidaten, Babies ohne Mutter, bereits gestorbene und sterbende Tiere gesehen. Menschen, die sich mit Händen und Füßen mitzuteilen versuchen und nach einem Tag voller Anstrengung vor dem gleichen Schutthaufen stehen. Menschen aus ganz Europa, die kein Dach mehr über dem Kopf haben und auf der Müllhalde nach essbarem suchen und dennoch ihre tierischen Begleiter bei sich behalten. Aber wir haben auch Informationen bekommen, dass die Krise wieder neue Tötungskandidaten beschert. Menschen, die inzwischen selbst kaum zu essen haben, trennen sich oft als erstes von ihrem Liebling. Mit Schleife im Haar und buntem Kauknochen geht es ab in die Hölle. Das Geschäft boomt für die Tötungslager und die Betreiber freuen sich.
Wir dachten, Spanien ist ja nicht Rumänien oder China. Spanien wäre auf einem aufsteigenden Ast, was Tierschutz angeht und wir würden sogar ein paar schöne Momente erleben, bevor wir im Frühjahr 2013 Rumänien ansteuern. Es gab schöne Momente, auf der Finca Lucendum zum Beispiel, aber auch Entsetzen, als wir in Restaurants Hummer in kleinen Aquarien zum aussuchen entdeckten; weil Stierkämpfe in den Tageszeitungen angepriesen werden und Pferde und Esel an Stricken angebunden in der heißen Sonne harren müssen.
Der Tierschutzgedanke ist bestimmt in Teilen Spaniens angekommen, aber es ist noch ein langer Weg ihn zu verinnerlichen und ich hoffe, dass wir alle weitermachen und nicht aufgeben!
Die Brände in Andalusien haben eine Tierschutzfinca zerstört, wir konnten nicht mehr helfen. Weitere Brände konnten schneller gestoppt werden und haben keine weiteren Opfer gebracht. Dennoch konnten wir die vielen gespendeten Brandsalben und die anderen Pflegeprodukte einsetzen. Alleine durch die Sonne sind viele Hundenasen verbrannt, kleine und große Hautverletzungen gibt es bei fast jedem der mehr als 1300 Tiere, die wir gesehen haben.

Bilderbericht: http://www.tierhilfsnetzwerk-europa.de/uploads/media/Spanienreise_2012.pdf

Tagesbericht

13.09.12
Nach einer erfolgreichen Anreise haben wir unser Zimmer in der Wohnung von Jose, dem 2. Vorsitzenden von P.A.P.S. (Protectora animales perros del Sol) bezogen und gehen abends mit ihm und Yvonne, der 1. Vorsitzenden des Vereins essen. Hier bekommen wir einen ersten Eindruck von der Not der Tierschützer in ihrem Kampf um die Hunde und den undurchschaubaren Konflikten mit dem Betreiber des Tierheimes und der hiesigen Gemeinde!
Am Ende eines langen Tages besprechen Wiebke und ich unsere ersten Eindrücke und merken- wir brauchen viel mehr Informationen und „eigene Bilder“, um die Situation hier erfassen zu können. Noch glauben wir, dass all das in den nächsten Tagen schon noch kommen wird…

14.09.12
Um 9 Uhr erreichen wir voller Tatendrang die ehemalige Tötung „Los Infiernos“, in der z.Zt. ca. 70 Hunde untergebracht sind. Ein erster Gedanke drängt sich sofort auf- was für ein Chaos! Die Hunde werden dreimal in der Woche für jeweils ca.15 Minuten von den Helfern ausgeführt und sie scheinen genau zu wissen, das heute einer dieser Tage ist. Aber nicht das unglaubliche Gebell und Gewinsel der Hunde allein verbreitet die nervenaufreibende Atmosphäre in den Gängen zwischen den Zwingern. Man spürt- hier stehen Menschen unter Druck, hier wird wenig miteinander geredet, hier wird gebrüllt und keiner hat Zeit. Wie auch? Denn um 13 Uhr müssen wir das Gelände wieder verlassen- so will es Antonio, der Betreiber des Tierheims und Besitzer des Grundstückes- und bei ca. 45 min. Auslauf in der Woche (!) für jeden Hund gilt es, keine Minute zu verlieren! Hund an die Leine, runter vom Gelände, ein paar freundliche Worte und Streicheleinheiten ans hechelnde und zerrende Ende der Leine- dann schon wieder zurück, die nächsten Hunde warten sehnsüchtig auf ihre wenigen Minuten. Das Verlassen eines Zwingers tut jedes Mal besonders weh- sehnsüchtige, manchmal verzweifelte Hundeaugen blicken uns hinterher. „Übermorgen darfst Du wieder für ein paar Minuten raus…“ Wir versorgen so gut wie möglich Wunden, säubern Ohren, bürsten dreckiges Fell, scheren oder Krallen schneiden wären in diesem Chaos für die Hunde viel zu gefährlich.
Am Nachmittag fahren wir zur Welpenstation des Vereines, der sich in der Nähe auf dem Grundstück einer befreundeten Tierschützerin befindet. Hier ist alles noch im Aufbau und muss dringend bald hunde –und wintergerecht fertig gestellt werden. Wir werden freudig von Pilar, der Besitzerin des Grundstückes, und einer Horde Welpen und Junghunde begrüßt. Ebenfalls auf dem Gelände befindet sich ein Auslauf mit schützenden Hütten- hier werden Hunde untergebracht, die ganz oben auf Antonios Tötungsliste stehen und die hier nun in Sicherheit auf ihre Vermittlungschance warten. Tolle Idee, wir sind begeistert, aber man merkt schnell, hier muss noch vieles getan werden, so provisorisch kann es hier auf Dauer nicht bleiben!
Von Yvonne und Jose erfahren wir, das die Gemeinde beschlossen hat, die beiden als ihre Stellvertreter in allen Belangen des Tierheimes zu ernennen, was heisst, das Antonio nicht mehr eigenmächtig handeln und vor allem Hunde töten darf. Toll- denken wir…

15.09.12
Auf dem Weg zur ehemaligen Tötung Orihuela besuchen wir kurz das Tierheim von APADAD. Hier kommt uns eine kleine Hündin mit Gipsbein fröhlich entgegengehoppelt, mehrere Hunde fallen uns durch kleinere Verletzungen und Hauterkrankungen auf. Leider bleibt keine Zeit für die Versorgung der Tiere, aber immerhin können wir Medikamente hier lassen.
Die Tötung von Orihuela, die vor kurzem von dem Verein Asoka el Grande übernommen wurde, empfängt uns mit einem schicken Vorbau, sauber gepflegt, vermutlich teuer- und wir wähnen uns zunächst auf einer Beauty- Farm..
Hinter dieser Fassade entpuppt sich das Ganze aber als typisches spanisches Tierheim- kleine Zwinger, nicht enden wollendes Gebell unzähliger Hunde, die nach einem kleinen Moment der Aufmerksamkeit lechzen, ein kleines, wenige Wochen altes Katzenbaby, das völlig allein in einem Käfig sitzt und wenige, aber engagierte Voluntäre, die mit der Fülle der Arbeit völlig überfordert sind! Im hinteren Teil der Geländes liegt ein ca. 2000 qm großes Grundstück mit Schatten spendenden Zitronenbäumen- derweil sind die Hunde sind Tag und Nacht eingesperrt! Wir sind entsetzt und fragen nach. Uns wird erklärt, dass eine Nutzung für die Hunde geplant ist und die Umbaumaßnahmen bald beginnen sollen. Uns bleibt nichts anderes übrig als das zu glauben und uns vorzunehmen, die Entwicklung hier von Deutschland aus weiter zu verfolgen.
Am Abend bekommen wir eine Lektion in spanischer Lokalpolitik- die Gemeinde hat nicht nur dem Vorstand von P.A.P.S., so wird uns erklärt, sondern auch Antonio die besagten Befugnisse erteilt. So bleibt also alles beim Alten. So ganz nachvollziehen können wir die ganze Entwicklung nicht und klärende Antworten sind rar. Wir bekommen den Eindruck, dass sich die Dinge hier so schnell ändern, dass mittlerweile im großen Streit alle den Überblick verloren haben. Wir bieten an, mit zu einem Gespräch mit Gemeindevertretern zu kommen, als Mitglieder einer deutschen Organisation, die P.A.P.S. auch finanziell unterstützen möchte und die Entwicklung hier beobachtet. Uns wird gesagt, das wir gerne mitkommen können- ein Termin wird uns in der ganzen Zeit nicht genannt und wir haben leider nicht das Gefühl, das unsere Begleitung wirklich erwünscht ist.
Klar ist aber, dass die Verlierer des Ganzen die Hunde sind, die weiterhin ständig von ihrer Tötung bedroht sind.

16.09.12
Alle 14 Tage verkaufen Jose, Yvonne und Renate auf einem Wochenmarkt  Trödel, Kleidung, Bücher usw., um von dem Erlös Futter und Tierarztkosten bezahlen zu können. Wir helfen mit- ohne Spanischkenntnisse, dafür mit vollem Einsatz von Händen und Füßen und merken- P.A.P.S. ist bekannt hier- mehrfach kommen Menschen an den Stand, um Sachspenden abzugeben. Mit Freude nehmen wir Töpfe, Pfannen, einen Fernseher und immer wieder ein herzliches Lächeln und gute Wünsche der Spender entgegen!
Aber der Markt ist auch Stress- bereits beim Aufbau am frühen Morgen knallt die Sonne vom spanischen Himmel und ich denke häufiger heute Hut ab vor Renate und Yvonne, die zwar rüstig, aber nicht mehr die jüngsten sind, das sie diese Tortour alle zwei Wochen auf sich nehmen!
Im Anschluss besuchen wir die Katzenstation APAH in Horedada, in der die Engländerin Varity mit ihrer Mutter aufopferungsvoll ca. 60 Katzen beherbergt und versorgt. Auch hier versorgen wir kleinere Wunden, säubern Ohren und unterstützen die Arbeit von Varity mit einer Geldspende.
So ganz ohne Hunde können wir ja nicht, daher beschließen wir, Yvonne mit ihren vielen Pflegehunden ein wenig zu entlasten und zwei Welpen mitzunehmen. Nach einem welpengerechten Tobe –Schnupper- und Kuschelausflug auf einer schattigen Wiese dürfen die zwei mit uns in Joses Wohnung übernachten und schlafen bald selig und entspannt ein. Leider verursachen wir dadurch ungewollt einen heftigen Konflikt zwischen Jose und uns, durch den uns einmal mehr die eklatanten Unterschiede im Umgang mit Hunden in Spanien und Deutschland deutlich werden. Was wir unter artgerechter und gewaltloser Erziehung verstehen ist scheinbar für viele Spanier Verhätschelei und Vermenschlichung, wir empfinden den vor Ort von uns beobachteten Umgang mit den Hunden oft als undurchdacht, sinnlos und leider auch brutal. In einer langen nächtlichen Diskussion können Jose und wir zwar auch einige Gemeinsamkeiten finden, trotzdem bleiben ein schaler Nachgeschmack und Ratlosigkeit. Die Welpen müssen leider in einem Abstellraum schlafen und wir liegen in dieser Nacht noch lange gedankenvoll und traurig in unseren Betten!

17.09.12
Heute sind wir wieder im Tierheim Los Infiernos, das wir vom zweiten Tag kennen. Da wir nach einigen Spaziergängen den Eindruck haben, das diese kurzen Momente der „Freiheit“ für die Tiere mehr Stress als Entspannung und Bewegung bedeuten entschließen wir uns, jeweils mehrere Hunde zusammen auf die beiden großen Ausläufe zu lassen und dort mit ihnen zu spielen. Und siehe da- die allermeisten scheinen das sichtlich zu genießen, flitzen begeistert über den Platz, spielen miteinander und beziehen uns meistens auch übermütig in ihr Spiel mit ein. Andere wollen nur kuscheln, setzen sich mit uns in eine schattige Ecke und genießen die Aufmerksamkeit und ein paar Momente der Ruhe! Wir versuchen mehrmals, diese Erfahrung an die anderen Helfer weiterzugeben, haben aber leider den Eindruck, hier auf gestresste, hilflose und daher auch taube Ohren zu stoßen.
Uns fällt ein kleiner schwarz- weißer Welpe auf, der neu ist im Tierheim und zitternd und völlig verängstigt in einem der Zwinger steht. Der arme Kerl wurde auf der Strasse gefunden und ist mit der Situation und der Lautstärke hier heillos überfordert. Leider können wir heute nichts für ihn tun, da abgewartet werden muss, ob sich ein Besitzer meldet. Wir vergessen Dich nicht, kleiner Kerl, halte durch…
Bevor wir gehen verteilen wir Unmengen von Kauknochen an alle Hunde- an diesem Tag verabschieden wir uns von zufrieden knabbernden und zumindest ein bisschen ausgepowerten Hunden und mit dem Gedanken, das man mit ein bisschen mehr Zeit und Ruhe schon so viel für die Hunde verbessern könnte.

18.09.12
Wir verbringen den Tag heute zum Helfen auf der Welpenstation von P.A.P.S. und nutzen die Zeit auch, um ausgiebiger mit den vor der Tötung geretteten Hunden in ihrem Auslauf zu beschäftigen. Viele wirken zunächst ängstlich und scheu, die ungewohnte Aufmerksamkeit scheint sie eher zu verwirren. Aber sie merken schnell, das von uns keine Gefahr ausgeht und dann- was für großartige Hunde- wird gespielt und geknuddelt, wir „dürfen“ kleine Wunden versorgen und selbst die ängstlichste von allen, eine wunderschöne Hündin, legt sich vertrauensvoll neben uns, lässt sich kraueln - und schläft dabei ein. Einmal mehr finden wir es schade, das vor Ort so wenig Zeit und Muße ist, den Hunden manchmal auch auf eine ruhige und leise Art zu begegnen, denn Stress haben sie leider genug! Oder ist es arrogant, das zu denken- wir sind ja nur auf Besuch und fahren dann weiter…??

19.09.12
Tierheim Los Infiernos- Aufgrund unserer Erfahrungen von Montag lassen wir direkt jeweils mehrere Hunde zusammen für einige Zeit in die Ausläufe, was sichtlich für Begeisterung bei den Vierbeinern sorgt!
Uns fallen mehrere große Zwinger auf, in die bis zu sechs Hunde passen würden. Da viele Tiere allein in ihrem Zwinger hocken, fragen wir Antonio, ob man Hunde, die friedlich zusammen im Auslauf spielen nicht auch gemeinsam dort unterbringen kann. Als Antwort hören wir, dass die Gemeinde das angeblich nicht erlaubt. Warum es dann aber bereits zwei Zwinger mit jeweils sechs Hunden gibt, wird uns nicht erklärt.
In einem abgelegenen Bereich entdecke ich dann ein kleines Shetty mit aufgeblähtem Bauch und Hufen, die dem armen Kerl durch ihr unkontrolliertes Wachsen ein normales Stehen oder gar Bewegen unmöglich machen. Futter oder Wasser- Fehlanzeige! Wir bieten Antonio spontan an, ihm das Pony abzukaufen- er lehnt ab, da das Pony als Spielzeug für seine Kinder dient, aber ein Schmied würde bald kommen. Wir haken mehrfach nach, erreichen aber nichts. Es ist sein Tier und wir sind hier in Spanien- wir können nichts für das Pony tun. Wir kochen vor Wut und Hilflosigkeit, haben aber Angst, nicht mehr auf das Grundstück zu dürfen, wenn wir Antonio weiter bedrängen.
Der kleine Welpe von Montag sitzt immer noch in seinem Zwinger und man sieht ihm sein Leiden deutlich an. Nach einiger Diskussion mit Jose erreichen wir, dass wir ihn mitnehmen dürfen- zunächst zum Tierarzt un dann zur Welpenstation. Hier lässt er sich unter genussvollem Schmatzen unzählige Zecken entfernen und mischt dann erstmal das komplette Welpenrudel auf. Pepe- so nennen wir den Knirps- hat sich spontan zum Rudelführer ernannt und scheint sich sofort pudelwohl zu fühlen! Nun braucht er nur noch eine geeignete Familie, die keine Angst vor einem immer gut gelaunten Energiebündel hat….
Freud und Leid- Pepe und das Shetty- lagen heute sehr nah beieinander- so sieht wohl der harte Alltag der Tierschützer in Spanien aus!

20.09.12
Nachdem wir vormittags alle sechs Hunde von Yvonne einer ausgiebigen Dusche unterzogen haben, fahren wir am Nachmittag zur Finca Lucendum.
Ich bin schon viel gereist in meinem Leben, aber ich bin noch nie an einem Ort angekommen, an dem ich mich bereits nach wenigen Minuten so willkommen, so wohl und so aufgehoben gefühlt habe! Heute können wir leider nur ein paar Stunden bleiben und ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen nächste Woche!

21.09.12
12 Stunden Autofahrt Richtung Süden- abends um 22 Uhr erreichen wir Los Barrios!

22.09.12
Tötung Los Barrios- unser erster Eindruck hier ist positiv- hinter dem Eingangtor liegt ein mehrere hundert qm großer Auslauf für die z.Zt. etwa 30 Welpen, Junghunde und kleinere Hunde. Sofort fällt uns eine ältere, kleine Hündin auf, die abseits von allem Trubel sitzt und das Treiben beobachtet. Wenig später beobachte ich, wie mehrere Hunde sie über den ganzen Platz jagen. Die muss hier raus, so schnell wie möglich!
Hinter einer Wiese, auf der zwei –für spanische Verhältnisse- gut aussehende Pferde stehen ändert sich unser Eindruck: um einen großen Auslauf herum stehen ca. 10-12 Zwinger mit jeweils ca. 6-10 Hunden. Alle Hunde dürfen in Gruppen täglich zum Rennen, Spielen und Dösen in den Freilauf. Für die wartenden Tiere in den Zwingern drumherum ist das allerdings der pure Stress- sie bellen, winseln, toben, z.T. werden hierdurch Beißereinen ausgelöst und nur wenige können dieser aufgeheizten Atmosphäre trotzen. Wir fragen uns, warum man das große Gelände nicht so aufteilt, das die Hunde etwas mehr Schutz und Ruhezonen haben- Platz hierfür wäre gegeben!
Im kleinen Behandlungs –und Bürotrakt, wo bis vor kurzem noch die unglaublich brutalen Tötungen stattfanden- begegnen uns mehrere ängstliche Tiere, die hier vielleicht ein wenig mehr Ruhe als draußen im Auslauf finden, mit dem Stress und der Lautstärke hier aber dennoch völlig überfordert sind.
Edu, die Heimleiterin, bittet uns, das Fell einer völlig verfilzten Wasserhündin zu scheren, sie sei aber bissig, habe daher bereits eine Sedierung und einen Maulkorb erhalten. Unsere ersten Versuche scheitern- sie schnappt trotzdem nach uns, die Sedierung scheint kaum zu wirken und das ganze Chaos drumherum macht alles noch schlimmer. Wiebke und ich beschließen- so geht es nicht! Also Tür zu, ruhig neben die Hündin auf den Boden. Maulkorb ab und die Arme sich ein wenig an die Situation gewöhnen lassen. Nach ca. 15 Minuten entspannt sie sich, die Sedierung zeigt wohl auch ein wenig Wirkung und sie lässt die ganze Prozedur über sich ergehen. Kein Schnappen mehr, wir dürfen sie drehen und wenden und überall anfassen. Auch als wir ihre stark entzündeten Ohren auswischen bleibt sie ruhig! Was für ein toller Hund- die Arme sucht übrigens ganz dringend ein sicheres Zuhause, hier drinnen wird es hart für sie!!
Es ist schwer, sich hier ein Bild zu machen- wir lernen offene, sympathische und unglaublich engagierte Helfer kennen, die alles tun, um mit wenigen Mitteln wenigsten einige Tiere zu retten. Uns fällt aber auch – nicht nur hier- immer wieder der gestresste, ungeduldige und grobe Umgang mit den Hunden auf und wir wissen sicher, das geschieht nicht aus bösem Willen, sondern aus dem Druck, unter dem die Menschen hier stehen und vielleicht auch aus einer Einstellung dem Hund gegenüber, die uns fremd ist.
Für die Hunde macht das leider keinen Unterschied!
Da ich in Deutschland eine Pflegestelle für einen Notfall und eine Box im Flieger reserviert habe beschließen wir, die kleine Hündin aus dem Welpengehege mitzunehmen. Wir bezweifeln, das sie den Winter hier überleben würde…

23.09.12
animals in need- vor diesem Heim wurden wir gewarnt, es sei hier sehr schlimm und so sitzen wir morgens schweigsam und ohne Appetit beim Frühstück. Unsere übelsten Befürchtungen bestätigen sich nicht- was aber keineswegs heissen soll, das es auch nur einem Hund hier wirklich gut geht! Viele leben in Rudeln von ca. 6-8 Tieren mit jeweils kleinen Sandausläufen vor den Zwingern. Z.Zt. wird ein größerer Freilauf gebaut, um allen Hunden mehr Bewegungsmöglichkeiten zu geben. An diesem Tag sind viele Helfer hier- so ist es aber leider nicht immer. Wir lernen drei junge Holländerinnen kennen, die in ihrer Heimat so etwas wie „animal care“ studieren und hier quasi ein freiwilliges Praktikum machen. Hut ab vor diesem Engagement- die drei sind höchstens 18 Jahre alt, der nächste Strand nicht fern- und sie wühlen hier in der Hitze jeden Tag im Dreck!
Als wir im hinteren Teil des Tierheimes ankommen verschlägt es uns dann aber doch die Sprache- zunächst wird uns ein „Behandlungs- und OP Raum“ gezeigt, der diesen Namen eigentlich nicht verdient. Schimmelnde und verschmierte Wände, Dreck, Gestank! Lidia, eine tolle und engagierte Helferin, erklärt uns, das dem Tierarzt nichts anderes übrig bleibt, als verletzte Hunde hier zu behandeln und das Geld für eine Renovierung einfach fehlt.
Wir gehen weiter und kommen in eine Halle- ohne Tageslicht und frische Luft, in unglaublichen, hallenden Krach „leben“ hier in 10-12 Zwingern jeweils 1-2 Hunde - so wird uns gesagt - nur für 10 Tage, das sei die Quarantänestation für die Neuen. Dieser Ort ist die Hölle für jeden Hund, der- egal wie lange- hier vor sich hin vegetieren muss!!
Wir erleben hier Helfer, die  ohne zu brüllen die Hunde versorgen, hier werden Hunde auch mal gestreichelt, trotz allem Stress und kaum einer ist hektisch oder rennt.
Wir versorgen auch hier die Wunden einiger Hunde, helfen Lidia beim Scheren eines völlig verfilzten Cockers und lassen Spenden vor Ort.
Auf der Rückfahrt zum Hotel halten wir hier immer wieder an, um z.B. den Kettenhund eines betrunkenen Spaniers oder an der Strasse zurückgelassene Pferde notdürftig zu versorgen. Alles ein Tropfen auf den heissen Stein, das wissen wir- aber sollen wir einfach weiterfahren??

24.09.12
Morgens holen wir die kleine Marta, unseren „Notfall“ aus Los Barrios und drei weitere Hunde ab, die wir mit zu Finca Lucendum nehmen. Als ich Marta auf den Arm nehme merke ich erst, wie dünn sie ist, außerdem hat sie kaum Fell. Dafür aber die charmantesten Schiefzähne, die ich jemals bei einem Hund gesehen habe! Die Übergabe der Papiere gestaltet sich, wir kennen es mittlerweile, spanisch chaotisch! Wir haben ca. 600 km vor uns und wollen im Tierheim tripple a bei Marbella die nächsten zwei Notfälle für die Finca einsammeln. Nach vier Stunden haben wir endlich alle Hunde plus Gepäck in unserem  Fiat Panda (was da so alles reinpasst!) verstaut und machen uns auf den Weg. Nach 11 Stunden Fahrt kommen wir dann endlich auf der Finca an!
Ich war ja erst einmal kurz hier, aber unsere Ankunft hat für mich tatsächlich schon etwas von „Nach- Hause- kommen“! Unser kleinstes Mitbringsel, die alte Blanquita, von Gisi liebevoll „Ömchen“ genannt, bekommt sofort ihre eigene Senioren- Suite! Dieses Bild hat sich eingebrannt in meiner Erinnerung- die noch ängstliche kleine Blanquita, die mit großen, fragenden Augen auf ihrer neuen Decke liegt- und davor Gisi, die bei ihr hockt und sich ihr ganz behutsam nähert- aus Blanquita wird Ömchen und wir wissen, sie hat es geschafft, einen besseren Ort hätten wir für das alte Mädchen nicht finden können!
Die drei etwas größeren Neuzugänge werden ins Rudel integriert- oder besser- das Rudel integriert die Neuzugänge! So etwas habe ich noch nicht erlebt! Über 40 Hunde, drei Neue, 10 Minuten wildes Geschnupper, ein bisschen Bellerei (die Hausordnung wird verlesen!) und dann ist alles gut! Wenn Integration von „Fremden“ doch auch bei uns Menschen so funktionieren würde!
Wir fallen todmüde ins Bett- 6 neue Hunde auf der Finca- heute war ein erfolgreicher Tag!

25.09.12
Wir fahren heute noch mal zu Yvonne und Jose, um uns zu verabschieden. Dann zieht es uns wieder zur Finca, zu Gisi und Ralf und diesem riesengroßen liebenswürdigen Hunderudel, das uns wieder stürmisch begrüßt! Besonders unsere vierbeinigen Reisebegleiter erwarten uns nach jedem Verlassen des Geländes bereits am Zaun und Marta und die kleine Rommy entwickeln sich zu unseren Schatten- wo wir sind, sind auch sie! Dieses Prinzip endet auch nicht vor, sondern in unseren Betten und so schlummern die beiden nachts schmatzend und seelig neben und ganz nah bei uns!

26.09.12
Wiebke und ich haben heute große Pläne- wir wollen allen Finca- Hunden die Krallen schneiden! Beim Frühstück rechne ich mal durch- über 40 Hunde mit jeweils vier Pfoten mit jeweils 5 Krallen….ok, noch einen Kaffee!!
Der Tag auf der Finca mit Besuch von netten Freunden von Gisi und Ralf tun gut und sorgen dafür, dass wir nach den letzten knapp zwei Wochen wieder etwas runterkommen. Gisi und Ralf erzählen uns von der Situation vor Ort, von ihrem nicht enden wollenden Einsatz und ständig neuer Nachrichten über ausgesetzte, misshandelte und gequälte Hunde. Manchmal sickert Verzweiflung in ihren Erzählungen durch und wir sind sprachlos vor Sorge und Schreck. An diesem Ort so etwas wie Hoffnungslosigkeit oder Aufgeben zu spüren ist einfach nicht möglich, aber meine Hochachtung vor den beiden wächst mit jeder Minute!
Als ich an diesem Abend mit meinem Schatten Marta im Bett liege möchte ich in Gedanken unsere Reise rekapitulieren- aber das erste Mal seitdem wir hier sind falle ich auf der Stelle in einen tiefen Schlaf.

27.09.12, der letzte Tag
Nein, es regnet nicht! Es schüttet! Nach Möglichkeit verziehen sich alle Zwei –und Vierbeiner auf der Finca ins trockene Haus und schauen etwas bedröppelt auf die größer werdenden Pfützen.
Ich begleite Gisi, Ralf und unsere Neuankömmlinge zum Tierarzt. Allen geht es, den Umständen entsprechend, gut. Ömchens Herz ist nicht das Beste. Aber dafür ist das von Gisi ja umso größer und sie wird gründlich sich um die Kleine kümmern!
Irgendwie passt das Wetter zu unserer Abschiedsstimmung. Ein letzter Blick zu den Pferden, ein letztes Mal die Hunde kraulen. So sehr ich mich auf zuhause freue, es fällt nicht leicht, diesen Ort hier zu verlassen!
Am Flughafen erwartet uns der letzte Schreck dieser Reise. Einer der Hunde, die wir als Flugpaten mit nach Deutschland nehmen wollte, erscheint nicht. Statt sechs nehmen wir nur fünf Tiere mit, eine Box bleibt leer. Wir sind sprachlos vor Enttäuschung- einen hätten wir noch mitnehmen können, uns fallen so viele ein! In dem Moment ist es schwer, sich über die fünf, die wir dabei haben zu freuen.
Wie so oft auf unserer Reise liegen auch hier Glück und Leid ganz nah beieinander. Wir sind oft an unsere Grenzen gestoßen und haben erlebt, wie schwierig es ist, vor Ort in der kurzen Zeit Anstösse für Veränderungen zu geben. Wir haben so vielen Tieren nicht wirklich helfen können: dem armen Shetty von Antonio, der kleinen Katze in ihrem Käfig in Orihuela, der geschorenen Hündin in Los Barrios, den Pferden am Straßenrand in Andalusien, die wir nur einmal tränken konnten und vielen anderen, die hier unerwähnt bleiben, aber nicht vergessen werden. Aber wir haben auch vieles bewegt. Der kleine Pepe konnte schnell das Tierheim verlassen und leitet und nun das Welpenrudel ;-), wir konnten Medikamente verteilen, die hoffentlich einigen Tieren bei ihrer Genesung helfen, wir haben sechs Notfälle von Andalusien zur Finca gebracht, alle haben mittlerweile ein neues Zuhause gefunden!!!! Und die kleine Marta hat ihre Pflegestelle sofort so um die Finger gewickelt, dass die sie nicht mehr hergeben!
Ich bin auf dieser Reise unglaublich engagierten und bewundernswerten Menschen begegnet- allen voran Wiebke vom Tierhilfsnetzwerk Europa, die mir eine wertvolle Begleitung war und großartige Arbeit für die Tiere leistet. Gisi und Ralf haben mir gezeigt, wie sinnvoller Tierschutz aussieht, wenn er zu einer Lebensaufgabe wird und ich hoffe, dass ich die beiden in Zukunft tatkräftig unterstützen kann!
Den größten Respekt zolle ich all den Tieren, die wir kennen lernen durften und die uns, ihrem harten Schicksal zum Trotz, so vertrauensvoll begegnet sind!

Julia